Die RAF-Stasi-Connection und das Forsthaus im Wald

Das Forsthaus Briesen an der Flut ist ein idyllischer Ort. Abgeschirmt von Bäumen liegt es direkt an der Spree. Wer heute über das Gelände geht, entdeckt noch immer Spuren des einst konspirativen Ortes, von dem niemand wissen durfte, dass er existiert. Denn in dem roten Backsteinbau beheimatete die Stasi westdeutsche RAF-Terroristen. 

Von Marcus Groß

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Wer heute über das Gelände des alten Forsthauses in Briesen geht, entdeckt noch immer Spuren des einst konspirativen Ortes, den die Stasi „Objekt 74“ nannte. 12.000 Quadratmeter groß ist das Grundstück, das Anne Schmid und einige Freunde 2012 gekauft haben. Die Unternehmerin, die in Bad Saarow mit ihrem Mann einen Kletterwald betreibt, hat hier viel vor: „Vor dem Wald wollen wir Baumhäuser bauen, die dann einen Blick auf die Spree haben.“

Acht Baumhäuser sollen direkt am Wasser entstehen, in fünf Metern Höhe könnten Fahrradfahrer und Wassertouristen nächtigen. Außerdem sind Bungalows und ein Campingplatz geplant, die Übernachtungsmöglichkeiten für 30 Personen bieten sollen. In dem alten Forsthaus soll eine Gaststätte entstehen, im ersten Stock sollen Yogakurse und Seminarräume das Angebot erweitern. Schon jetzt kommen ständig Radler vorbei, weil der Spreeradweg direkt am Grundstück vorbeiführt. Und auf der Spree sind den ganzen Sommer über Paddler unterwegs.

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Doch bis zur Eröffnung haben Anne Schmid und ihre Freunde noch viel zu tun. Das alte Forsthaus und die umliegenden Gebäude müssen komplett überholt werden: „Es muss kernsaniert werden, wir müssen alles machen, alles. Die Grundmauern sind gut, aber wir denken auch, dass wir ein Jahr in den Bau investieren müssen.“ Bis 2018 wollen sie fertig sein.

Ausbildungsstützpunkt für RAF-Terroristen

Was in den kommenden Jahren zu einem Urlaubsdomizil werden soll, war bis zur Wende militärisches Sperrgebiet. Mit der Geschichte des Ortes hat sich Tobias Wunschik beschäftigt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stasiunterlagenbehörde in Berlin und Fachmann für die RAF-Stasi-Connection. Seit 15 Jahren forscht Wunschik zur Beziehung zwischen westdeutschem Linksterrorismus und ostdeutscher Staatssicherheit: „Das Forsthaus Briesen an der Spree diente dazu, zwei Gruppen von RAF-Terroristen aufzunehmen: zum einen ehemalige Aussteiger, die bereits in der DDR lebten, zum anderen aber auch aktive Linksterroristen der zweiten Generation wie Christian Klar oder Inge Viett.“

Bereits Ende der 70er Jahre gab es im Westen RAF-Mitglieder der zweiten Generation, die aus dem Untergrund aussteigen wollten. Sie baten das Ministerium für Staatssicherheit zunächst um Unterstützung bei der Suche nach Unterschlupf in einem linksrevolutionären Staat wie Angola oder Mosambik. Doch schließlich bot ihnen die Stasi an, sie in der DDR aufzunehmen.

Ein unauffälliges falsches Leben

Zehn Aussteiger nahm die DDR Anfang der 80er Jahre auf, unter ihnen Henning Beer, Inge Viett, Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt, Werner Lotze, Christina Dümlein und Ekkehard von Seckendorff-Gudent. Sie alle wurden zunächst im Forsthaus Briesen untergebracht und dort einige Wochen lang auf das Leben in der DDR vorbereiten, etwa mit „Nachhilfeunterricht“ in DDR-Staatsbürgerkunde. „Natürlich wurde die DDR-Terminologie geübt, die Ausbildungswege – all dies wurde mit den RAF-Aussteigern geprobt. Sie mussten sich selber einen neuen Lebenslauf ersinnen, der möglichst aus vielen Stationen bestand“, erklärt Wunschik.

Später arbeiteten sie in der ostdeutschen Provinz als Ärzte, Krankenschwestern oder Pädagoginnen und führten ein unauffälliges Leben mit falscher Identität. Selbstverständlich mussten sie in der DDR ihre terroristische Vergangenheit streng geheim halten. Auch untereinander sollten sie möglichst keinen Kontakt haben. Denn aus politischen Gründen sollte es verhindert werden, dass westliche Geheimdienste die RAF-Mitglieder in der DDR aufspüren.

Panzerfaust im Forsthaus

Einmal im Jahr kamen die RAF-Aussteiger jedoch für ein paar Tage im Forsthaus an der Spree zusammen – auch weil die Stasi wissen wollte, wo die eingegliederten Terroristen politisch stehen.

Doch nicht nur Aussteiger waren im Forsthaus zu Gast, auch aktive RAF-Terroristen wie Christian Klar wurden von Stasi-Offizieren militärisch ausgebildet. Er hatte 1981 in Heidelberg mit einer Panzerfaust auf einen US-amerikanischen Viersternegeneral geschossen. Geübt hatte Klar den Umgang mit der Panzerfaust auch auf dem Briesener Terroristenstützpunkt: „Dabei wurde ein Mercedes verwendet, weil auch im Westen auf ein Westfahrzeug geschossen werden würde. In dem Auto wurde dann ein Schäferhund angekettet, um die Wirkung einer Panzerfaust am lebenden Objekt zu testen“, weiß Tobias Wunschik.

Enttarnt und verhaftet nach der Wende

Zwar hatte die Stasi ab dem Winter 1989 begonnen, die Unterlagen zu vernichten. Doch im Frühsommer 1990 wurden alle in der DDR untergetauchten Terroristen verhaftet.

Im Gegensatz zu den meisten RAF-Mitgliedern, die im Westen festgenommen wurden, haben die Aussteiger in der DDR nach der Enttarnung mit der Bundesanwaltschaft zusammengearbeitet. Tobias Wunschik ist davon überzeugt, dass die Staatssicherheit zumindest einige der untergetauchten Terroristen unfreiwillig resozialisiert hat: „Dadurch, dass die Terroristen in eine neue Lebensphase eintreten konnten, Kinder in die Welt setzen und nachdenken konnten, haben einige doch ihre Schuld eingesehen und sich nach ihrer Festnahme als Kronzeugen zur Verfügung gestellt.“ So konnte im Nachhinein auch aufgeklärt werden, was im Forsthaus Briesen an der Flut in den 80er Jahren geschah.

Platz für Geschichte in der Gegenwart

Auch Anne Schmid weiß von der dunklen Geschichte ihres Tourismus-Projektes. Wie und in welcher Form sie die Vergangenheit einbezieht, weiß sie noch nicht: „Wir müssen gucken, wie wir damit umgehen und welchen Standpunkt wir dabei einnehmen“, meint Schmid. Jetzt wartet sie erst darauf, dass ihr Grundstück in ein Baugrundstück umgewidmet wird. Seit drei Jahren laufen die Genehmigungsverfahren. Wenn alles klappt, wollen sie im Frühjahr 2017 anfangen zu bauen. Dass die Geschichte in ihrem Forsthaus einen Platz bekommt, ist jetzt schon sicher.

http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2016/08/raf-stasi-connection-forsthaus-briesen-brandenburg.html#

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